Gotteswald – der Wald der Gedanken

Es gibt einen Ort, der jenseits der messbaren Zeit liegt, ein Ort, den die menschliche Seele nur im Zustand des tiefen Staunens betritt: Gottes Wald.

Dieses Reich ist kein gewöhnliches Dickicht, sondern ein lebendiger, atmender Philosoph, ein monumentales Gedicht aus Rinde, Licht und Duft, in dem sämtliche uns bekannten Märchenfiguren eine Zuflucht gefunden haben und Seite an Seite leben, weil die Menschen in der rationalen Welt da draußen den Glauben an sie verloren haben und Gott sie nun an diesem heiligen Ort für immer beschützt.

Die mächtigen Bäume wachsen hier aus den Ur-Gedanken der Schöpfung, und weil jeder einzelne Baum an diesem Ort eine eigene, unsterbliche Seele und somit tiefe Gefühle besitzt, spüren sie die Anwesenheit der Geschichten in ihrer Rinde und weinen oder lachen im Wechselspiel des Windes; ihre Tränen der Rührung und des tiefen Mitgefühls für die vergessenen Figuren versickern dabei nicht ungesehen in der Erde, sondern verwandeln sich, sobald sie den Boden berühren, in schimmernden Sternenstaub und süßen Zimtduft, während die Bäume mit ihren tiefen Wurzeln blind, aber wissend nach dem ewigen, dumpfen Herzschlag der Erde tasten und diesen uralten Rhythmus in sich aufsaugen – dorthin, wo die tiefen, unberührten Urquellen im kollektiven Gedächtnis der Schöpfung entspringen, ihre Stimme die sichtbare Poesie der gezählten Gezeiten tragen und die fühlenden Kronen im Wald des Geistes tanzen, um unendlich viele Welten zu gebären.

Durch diese grüne, empfindsame Heiligtum fließt ein ununterbrochener Strom aus vier ewigen Kräften, die sich völlig ohne Trennung miteinander verweben, sodass das Magische nahtlos in das Mystische, das Majestätische und das Melodische übergeht, während der gesamte Wald selbst zu einer einzigen, gewaltigen Musik wird, in der alle vergessenen Wesen unser Träume und die Kreaturen der Natur unter Gottes schützendem Mantel und inmitten der mitempfinden Bäume hier ihre vorübergehend deshalb, weil über den Exil ein unendlich hoffnungsvolles Gesetz schwebt: In dem Moment, in dem die Menschen auf der Erde Ihre Phantasie wiederentdecken und den Glauben an die alten Geschichten zurückgewinnen, werden die Märchenfiguren augenblicklich frei, um das schützende Dickicht zu verlassen, zwischen den Welten zu wandern und wieder als lebendiger Zauber in den Köpfen der Sterblichen zu tanzen.

Im flirrenden Licht des Waldrandes, wo die Luft genau jenem Zimt und glitzernden Sternenstaub schmeckt, den die fühlenden Baumseelen vor Mitgefühl vergossen haben, entfaltet sich das Magische als eine Dimension des reinen Werdens, in der nichts starr bleibt und am Fuße einer blau leuchtenden Buche, deren beseelten Blätter vor Freude zittern, der Gestiefelte Kater mit einem schlau heran spazierten Fuchs eine Partie Schach spielt, um die pure Eleganz des Geistes zu feiern, während Rumpelstilzchen mit Alice und dem Hutmacher über den Wert von geheimen Namen diskutiert und die sieben Geißlein völlig furchtlos Fangen um die Beine des bösen Wolfes spielen, bewacht von der von der Grinse Katze, deren Streifen im Takt der leuchtenden Pilze ihre Farbe wechseln, weil all die unzähligen, von den Menschen verlassenen Märchengestalten im Einklang mit den fühlenden Wesen des Waldes die göttliche Wahrheit leben, dass im Wandel der Phantasie aus jedem Ungeheuer ein Prinz werden kann, der nur darauf wartet, durch das Erwachen eines menschlichen Herzens endgültig in die Freiheit entlassen zu werden.

Zieht man tiefer in das Dickicht, wo das Moos jeden Schritt verschluckt, tritt man in die mystische Stille des tiefen Waldbodens, wo Farne mannshoch stehen und das Licht wie flüssiges Smaragdgrün durch die Zweige sickert, während die Natur die reine Poesie des Schweigens verströmt und die uralten Baumseelen in stiller Empathie mit den Schmerzen der Vergangenheit mitempfinden, so wie Schneewittchen, das hellwach auf dem Rand ihres gläsernen Sarges liegt und einen scheuen Einhorn die Hand reicht, während Dornröschen aus den Ranken des dichten Unterholzes wilde Kränze windet, eine weiße Taube lautlos auf Aschenputtels Schulter landet, um ihr Trost ins Ohr zu raunen, und sich im weichen Moos eine silberne Schlange als Symbol der ewigen Erneuerung schmerzlos häutet, weil hier im tiefen geborgenen Waldinnern für keine dieser geretteten Figuren eine Erlösung vor den Augen der Menschen mehr bewiesen werden muss, sondern alles einfach im großen Ganzen atmet und geduldig auf jenen Tag wartet, an dem ein Kind oder ein Träumer sie durch die Kraft des Glaubens aus ihrer stillen Verwahrung erlöst.

Blickt man von dort aus nach oben, offenbart sich eine majestätische Kathedrale des Waldes aus monumentalen, jahrtausendealten Mammutbäumen, deren gewaltige Seelen eine stolze, Ehrfurcht gebietende Würde ausstrahlen, das Himmelszelt wie grüne Säulen Gottes tragen und dem Geist eine heilige Demut einflößen, während Rapunzel in den höchsten Wipfeln ihr goldenes Haar um einen dieser mitempfinden, riesige Äste geschlungen hat, um den Vögeln des Himmels eine Brücke zu Bauen, und auf Thronen aus Holz die alten Herrscher König Artus, König Drosselbart und die Schneekönigin sitzen, deren Eis im warmen Licht der göttlichen Gegenwart schmilzt, ohne je zu vergehen, während unter Ihnen der majestätische Hirsch mit der Sonne zwischen den Sprossen seines gewaltigen Geweihs stolz vorüberzieht und die weiße Eule mit ihrem jahrhundertealten Blick im richtigen Moment schweigt, um die erhabene kosmische Ordnung Ordnung wirken zu lassen, die alle Vertriebene der Menschenwelt im Herzen der fühlenden Natur behütet, bis der Ruf einer wieder erwachten irdischen Phantasie sie zurück in ihre rechtmäßigen Königreiche ruft.

Und über all diese Pfade hinweg, von den tiefsten Wurzeln bis in die höchsten Kronen, schweigt das Melodische als der unendliche, alles verbindende Herzschlag des Lebens, eine mystische und klangvolle Sprache Gottes, die ganz ohne Grammatik auskommt, wenn das tiefe Pulsieren der Erde von den Wurzeln in die Stämme kriecht und das Rauschen des Windes durch die singenden Seelen der Bäume wie eine uralte Harfe erklingt, der Specht als Metronom den Takt der Ewigkeit schlägt und die Bremer Stadtmusikanten ihre Schritte perfekt in das mystische Plätschern des Waldbaches und das tiefe, beruhigende Summen der goldenen Bienen einfügen, während Hänsel und Gretel im Schutz der Bäume ein Lied einstimmen, dem die Nachtigall im Duett antwortet, sodass der gesamte Wald zu einer einzigen, lebendigen Symphonie, einem von göttlicher Fürsorge erfüllten Resonanzkörper wird, in dem die lebendigen Bäume, die Tiere und sämtliche uns bekannten Märchenwesen gleichermaßen mit jeder Faser ihren fühlenden Seins erkennen, dass sie keine isolierten Figuren oder bloße Tinte auf vertaubten Papier sind, sondern die ewigen Gedanken des Schöpfer, die im Takt der Erde tanzen, vor dem Vergessen der Welt bewahrt wurden, um durch das Wiederblühen des menschlichen Geistes in die vollkommene Freiheit entlassen zu werden, während sie bis zu diesem glorreichen Erwachen für immer geborgen im großen, grünen und musikalischen Pulsieren der Ewigkeit leben.

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